Beitrags-Archiv für die Kategory 'Government 2.0'

Open Data und Verantwortung

Freitag, 12. November 2010 22:47

Ein interessantes Gespräch hatte ich vor kurzem zur Frage, welche Verantwortung eine Verwaltung eigentlich trägt, wenn sie ihre Arbeitsdaten als Open Data zur Verfügung stellt und Dritte damit etwas anstellen.

Wenn eine Verwaltung wirklich konsequent Open Data bereit stellt, dann weiß sie in der Tat nicht, wer sich die Daten abholt und was der Nutzer mit den Daten vor hat. Wie er sie aggregiert, korreliert, kombiniert, transformiert, filtert oder interpretiert. Klassisch sind das die Aufgaben, die die Verwaltung selber wahrnimmt – in der Regel werden alle diese Operationen auf die Rohdaten in der Verwaltung angewendet, aus Daten werden damit Informationen gemacht und erst diese werden dann der Öffentlichkeit, der Politik und auch anderen Verwaltungen zur Verfügung gestellt – und für diese Informationen übernimmt die Verwaltung auch die Verantwortung oder sogar die Haftung.

Was, wenn nun jemand die frei zur Verfügung gestellten Daten einer Verwaltung falsch behandelt und daraus – mutwillig oder aus Versehen – Informationen macht, die andere Menschen in die Irre führen, zu falschen Entscheidungen veranlassen oder gar zu Schaden kommen lassen?

Meiner Ansicht nach ist die Antwort relativ einfach. Niemand will, dass die Verwaltungen demnächst nur noch Open Data zur Verfügung stellen. Sie werden – völlig unabhängig vom Open Data Kanal auch weiterhin wie gewohnt ihre ureigenste Aufbereitung von Daten zu Informationen vornehmen. Und sie werden weiterhin dafür die Verantwortung tragen. Hier ändert OpenData gar nichts.

Aber hier hört die Verantwortung dann auch auf. Sobald jemand sich öffentlich bereit gestellte Daten abholt und damit Apps, Mashups oder sonstigen Mehrwert generiert, geht die Verantwortung auf ihn über.

Regeln lässt sich dieser Verantwortungsübergang durch die Verwaltung gut durch die Vergabe einer Open Data Lizenz, hier gibt es aktuell ein sehr gutes Beispiel aus Großbritannien. Auf der Basis der Creative Commons wurde im Oktober 2010 die UK Open Government Licence for Public Sector Information veröffentlicht. Sie ist kurz, übersichtlich und einfach, legt nur wenige Verpflichtungen und Einschränkungen auf und regelt trotzdem alles wesentliche, unter „Keine Gewährleistung“ beispielsweise:

Die Information ist lizenziert ‚wie sie ist‘ und der Informationsanbieter schließt alle Zusicherungen, Gewährleistungen, Verpflichtungen und Verbindlichkeiten im Zusammenhang mit der Information bis zum maximalen gesetzlichen Umfang aus.

Der Informationsanbieter übernimmt keine Haftung für etwaige Fehler oder Auslassungen in den Informationen und ist nicht haftbar für Verluste, Verletzungen oder Schäden irgendwelcher Art, die durch ihre Verwendung entstehen. Der Informationsanbieter garantiert nicht die kontinuierliche Bereitstellung der Informationen.

Es wäre gut, wenn wir mit der Schaffung einer deutschen Open Data Lizenz nach dem Vorbild Großbritanniens auch für unsere deutsche Verwaltung mehr Klarheit schaffen und Unsicherheiten begegnen könnten.

Mein Fazit:

OpenData bedeutet für Verwaltungen einen Verlust des Interpretationsmonopols ihrer Daten – und genau das ist auch so gewollt. OpenData bedeutet für sie aber nicht die Gefahr von zusätzlicher und nicht wahrnehmbarer Verantwortung.

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Open Data im Detail

Donnerstag, 4. November 2010 23:45

In Diskussionen über Open Data stoße ich häufig auf einige Unschärfen und Verständnisprobleme, die sich meines Erachtens über eine einfache Klassifizierung lösen lassen.

Wissenschaftler analysiert "Open Data"Das, was landläufig und etwas oberflächlich unter Open Data diskutiert wird, sind „die Daten der Öffentlichen Verwaltung“. Gemeint sind dabei in der Regel die „Arbeitsdaten“ der Verwaltung, also zum Beispiel Informationen über Autobahnbaustellen, Bauvorhaben, Kriminalitätsdaten, Haushaltsdaten, Schadstoff-belastungen und vieles mehr. Diese „Open Work Data“ liegen in den Verwaltungen vor (sonst könnten sie ja ihre Aufgaben nicht erfüllen) und dies heute auch zum überwiegenden Teil bereits digital in einer Vielzahl von Fachverfahren.

Es gibt neben diesen Arbeitdaten aber zwei weitere wichtige Elemente für Open Data Projekte, die einer differenzierten Betrachtung bedürfen.

Zum einen die „Daten über die Daten“ – sprich, die Metadaten der Verwaltung. Welche Daten habe ich eigentlich? Was bedeuten sie? Welche Maßeinheit haben sie? In welchen Datentypen liegen sie vor? Welche Aktualität haben sie? Hier gibt es heute noch eklatante Defizite in vielen Verwaltungen. Es gibt in der Regel keine umfassenden Datenkataloge, die erst einmal eine Übersicht über das „Arbeitsdaten-Potenzial“ einer Verwaltung bieten. Geschweige denn, dass diese Datenkataloge irgendeiner standardisierten Ontologie folgen. Hier liegt eine wichtige Aufgabe des IT-Planungsrates, der die Erstellung solcher Datenkataloge in allen Verwaltungen initiieren sollte und der dafür ein zumindest standardisiertes Zielformat definieren muss. Selbstverständlich sind die Kataloge dann als „Open Meta Data“ nach den Open Data Prinzipien zu veröffentlichen.

Zum anderen gibt es die „Leistungsdaten der Verwaltung“ – also Fallzahlen von Vorgängen, Anträgen, Prüfungen oder Genehmigungen, Zugriffszahlen auf Online-Angebote, Kennzahlen zur Effektivität und Effizienz von Verwaltungsprozessen, zukünftig vielleicht sogar einmal Qualitätskennziffern und Kundenzufrieden-heitsindikatoren. In vielen Fällen liegen diese Daten heute noch nicht vor oder sie werden als besondere „Betriebsgeheimnisse“ gehütet. Nicht umsonst findet sich im neuen Grundgesetzartikel 91d nur die im Konjunktiv formulierte Option „Bund und Länder können zur Feststellung und Förderung der Leistungsfähigkeit ihrer Verwaltungen Vergleichsstudien durchführen und die Ergebnisse veröffentlichen.“ Erst wenn wir dazu kommen, dass „Open Performance Data“ veröffentlicht werden – und dies wiederum mit einer standardisierten Ontologie mit klarer Semantik – werden wirklich aussagefähige Leistungsvergleiche zwischen einzelnen Verwaltungen ermöglicht und gute und erfolgreiche Beispiele erkennbar werden.

Diese drei Klassen von Open Data –

• Open Meta Data,
• Open Performance Data und
• Open Work Data

erfordern unterschiedliche Vorgehensweisen und Projekte zu ihrer jeweiligen Erschließung und zumindest für Meta und Performance Data erscheinen mir koordinierte Standardisierungsanstrengungen des IT-Planungsrates sinnvoll.

Vielleicht kann eine solche Klassifizierung von Open Data helfen, in zukünftigen Gesprächen etwas besser zu differenzieren, worüber genau man eigentlich gerade redet.

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Netzpolitik am Start

Mittwoch, 23. Juni 2010 14:21

Gestern fand im Lokschuppen des Deutschen Technik Museums in Berlin etwas Erstauliches statt… mit Thomas de Maizière hat erstmals ein namhafter Vertreter einer deutsche Bundesregierung einen umfassenden Blick auf „das Netz“ gewagt und Positionen bezogen. Ich will jetzt hier die 14 Thesen nicht auch noch mal auflisten, da gibt es inzwischen genügend Dokumentation im Netz, zum Beispiel vom Autor selber.

Wichtiger ist mir das große Bild.

Sicherlicher – nicht jedes Wunschthema wird adressiert und ja, viele der Thesen sind noch recht generisch oder esotherisch – „Bewusstsein für gemeinsame Werte schaffen“ … Kumbaya

Aber, es wird erstmalig ein Rahmen geschaffen und eine Sicht auf die Problemfelder geöffnet, die der politischen Führung im Moment wichtig erscheinen. Damit gibt es jetzt die Chance, sehr konkret zu diskutieren: Wie sind die Thesen zu bewerten? Wie sollen Schlussfolgerungen daraus umgesetzt werden, sowohl gesetzgeberisch als auch in technischen Szenarien? Wo fehlen notwendige Konkretisierungen? Welche Netzpolitikfelder sind nicht abgedeckt und müssen ergänzt werden?

In vielen Fällen kann man jetzt den Ball auch sehr konkret zurückspielen:

  • Datenbrief?
    Prima Idee… dann soll aber doch die Öffentliche Verwaltung mal mit bestem Beispiel voran schreiten!
  • Online-Angebote nutzerorieniert ausbauen?
    Prima, dann mal los mit Ideation-Wettbewerben, Feedback-Mechanismen und transparenten Nutzungsstatistiken für E-Government-Angebote!
  • Staatliche Grundversorgung sicherstellen?
    Prima, dann mal los mit quantitativen, qualitativen und zeitlichen Messlatten, mit Finanzierungsmodellen, Geschäftsmodellen und Umsetzungsprogrammen!

Gestern fiel auf der Tonspur durch den Minister oft der Begriff Transparenz. Hier denke ich, gibt es noch besonders viel zu tun… der wirkliche Wille zu umfassender Transparenz in den Verwaltungen scheint mir in vielerlei Hinsicht noch deutlich unterentwickelt. Seit Monaten haben wir einen neuen Artikel 91d im Grundgesetz:

Bund und Länder können zur Feststellung und Förderung der Leistungsfähigkeit ihrer Verwaltungen Vergleichsstudien durchführen und die Ergebnisse veröffentlichen.

(Ernsthaft, da steht „können“ statt „sind verpflichtet„!) Hat hierzu irgend jemand schon ein paar Umsetzungsaktivitäten wahr genommen? Bin für sachdienliche Hinweise sehr dankbar!

Leistungskennziffern, Wirkungsbewertungen, Datenbestände… Transparenz ist eine vieldimensionale Angelegenheit. Auch hier sollte der Bund mit Leuchtturmprojekten gute Beispiele geben und Orientierung für die Verwaltungen in Ländern und Kommunen bieten.

Tja, und dann fehlte natürlich auch mir gestern zumindest ein kleiner Hinweis darauf, dass die Datenschätze der Öffentlichen Verwaltung gehoben werden müssen und ihre kreative Nutzung und Erschließung auch neue Standortvorteile bieten. In der heute veröffentlichten Langfassung der Grundsatzrede findet sich nun zumindest ein kurzer Absatz zum Thema:

„Der moderne Staat hat auch die Aufgabe der Wirtschafts- und Forschungsförderung übernommen. Wirtschaftliche Innovation kann der Staat fördern, indem er seine nicht-personenbezogenen Datenbestände Online zur Verfügung stellt. Auf der Basis dieser Daten können neue Geschäftsmodelle entwickelt werden. Das Statistische Bundesamt stellt bereits 166 Mio Datensätze Online zur Verfügung. Diese Form der Bereitstellung wird weltweit unter dem Begriff „Open Data“ bzw. „Open Government“ diskutiert. Open Government ist v. a. für wirtschaftliche Nutzungen sinnvoll und innovativ.“

Hier bleibt das Verständnis von OpenGovernment und OpenData natürlich weit hinter dem aktuellen Diskussionsstand zurück, und „kann“ und „können“ lässt gleich alles im Unverbindlichen. Wenn ein Amt Datensätze zur Verfügung stellt ist das zwar schon mal ein guter Anfang, aber definitiv nicht die Antwort. Einen guten Blick auf die tatsächlichen Erwartungen an ein wirkliches OpenGovernment findet man unter Gov20.de, auch die 8 Principles of OpenGovernment.

[Ich teile übrigens von diesen Prinzipien nicht alle Aspekte vollständig. OpenGovernment muss für mich nicht zwangsläufig auch FreebieGovernment sein. Die radikale Forderung, dass alle Government Daten lizenzfrei und kostenlos zur Verfügung gestellt werden müssen, teile ich nur, wenn die Verwendung der Daten nicht kommerziell erfolgt, also gemeinnützig bleibt. Sobald aus den mit Steuergeldern der Bürger gewonnenen Daten Umsätze und Gewinne erzielt werden sollen, halte ich eine Diskussion über eine Beteiligung der Steuerzahler an diesen Umsätzen und Gewinnen für grundsätzlich legitim. Hier wäre ein offener Diskurs über neuartige Lizenzmodelle für OpenData sinnvoll]

Aber, zurück an die Oberfläche.

Gestern hat der Bundesinnenminister im Bereich der Netzpolitik in der Bundesregierung das Heft in die Hand übernommen, auch wenn noch viel Detailarbeit zu leisten ist und wohl auch noch einige Korrekturen erforderlich sind. Das ist ausdrücklich zu begrüßen und wirklich ein anerkennenswerter Fortschritt! Dies insbesondere, da de Maizière bei diesem Thema deutlich erkennbar nicht „denken lässt“ und nur auf Zuarbeiten und Vordenken seiner Stäbe setzt, sondern eindeutig eigene, fundierte (wenn auch nicht immer richtige) und auf Sachkompetenz gegründete Ansichten vertritt. Es bleibt zu hoffen, dass sich die anderen Fachressorts jetzt nicht weiter in unabgestimmten Einzelaktionismen ergehen, sondern zu einem konzertierten Handeln auf einem nun gelegten Fundament finden können (ja, auch fast schon wieder „Kumbaya“, aber die Hoffnung stirbt zuletzt).

Die Thesen zur Netzpolitik stehen jetzt zur Diskussion, Bewertung und Anreicherung öffentlich unter e-konsultation zur Verfügung. Wie immer mein Appell: Mitmachen!

Thema: Allgemein, Government 2.0 | Kommentare (0) | Autor:

Kein Interesse an der Netzpolitik?

Freitag, 12. Februar 2010 10:09

Offensichtlich meint es Thomas de Maizière sehr ernst. Nach seiner Ankündigung auf dem letzten IT Gipfel, sich unmittelbar mit der Netzgemeinde zu allen wichtigen Punkten der zukünftigen Netzpolitik auseinander zu setzen,  sind die ersten Taten gefolgt. Der erste von 4 Dialogworkshops zu den Themen

  • „Datenschutz und Datensicherheit im Internet“
  • „Das Internet als Mehrwertdienst erhalten“
  • „Staatliche Angebote im Internet“ und
  • „Schutz der Bürger vor Identitätsdiebstahl und sonstiger Kriminalität im Internet“

hat statt gefunden, gleichzeitig wurde auf http://www.e-konsultation.de/netzpolitik/ ein Forum für die begleitende online Konsultation eingerichtet. Alles professionell umgesetzt. Nun kann man immer rum-kritteln, warum es genau und nur diese Themen sind, ob die Titel der Themen ausreichend selbsterklärend sind oder warum nun wer zu den Workshops eingeladen wird (und – nichts ist schlimmer als verletzte Eitelkeit – wer nicht). Mein Punkt ist aber ein anderer. Obwohl es (diesmal) sogar in der Tagesschau, auf Zeit.de, Spiegel-Online, Taz.de oder auf den Trollwiesen von Heise online ein bescheiden-relevantes Medienecho gab, stellt sich das nachlesbare Interesse der „Netzgemeinde“ auf der Konsultationsseite wie folgt dar: Von den ca. 82 Millionen Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland (Quelle: Destatis) sind nach dem letzten (N)Online-Atlas der InitiativeD21 ca. 69,1% „im Netz“. Das ergibt nach Adam Riese etwa 56.662.000 Online-Nutzer in Deutschland. Also Menschen, für die Netzpolitik eine gewisse Relevanz haben sollte. Ich habe mir mal die – leider kleine – Mühe gemacht, die bisher gestellten Fragen auf der Konsultationsseite auszuzählen. Stand heute wurden 68 inhaltliche Fragen gestellt. Unterstellt man mal optimistisch, dass die alle von unterschiedlichen Mitgliedern der Netzgemeinde gestellt wurden, ergibt sich damit bisher eine Beteiligungsquote von 0,0012‰ Gegenwärtig befindet sich die Online-Konsultation im „Stellt-erstmal-nur-Fragen“-Modus. Ich habe aber ernsthafte Zweifel, ob mit den bisher gestellten 68 Fragen zur Netzpolitik alle offenen Punkte ausreichend adressiert wurden und nun die restlichen 56.661.932 Onliner in Deutschland nur noch gespannt darauf warten, dass sie ab dem 08.03. – wenn die Dialogphase der Konsultation startet – ihre inhaltlichen Anregungen und Impulse los werden können. Wer sich aber jetzt nicht beteiligt, verspielt das Recht, die zukünftigen Weichenstellungen der Gesetzgebers zur Netzpolitik zu kritisieren.  Die Politik ist dabei, ihre Hausaufgaben zu machen. Jetzt stehen alle Medien und „Netzaktivisten“ in der Verantwortung, eine nachhaltige Aufmerksamkeit in der „Netzgemeinde“ für die Diskussionsbereitschaft der politischen Verantwortlichen zu Netzpolitik zu generieren und die Menschen zur Teilnahme zu aktivieren. Es findet gerade „Government 2.0“ und „e-Participation“ statt – nicht theoretisch, auf Powerpoints, BarCamps oder White Papers, sondern praktisch, konkret und mit hoher, grundsätzlicher Relevanz für die Weiterentwicklung unserer Informationsgesellschaft. Neben den Medien ist jeder Blogger, Twitterer, Facebooker, XINGer, Buzzer gefragt, die e-Konsultation zur Netzpolitik bekannt und zu einem Erfolg zu machen, um den politischen Verantwortlichen in diesem Land die notwendige Orientierung für die anstehenden Weichenstellungen zu geben.

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Denken in der Blase

Sonntag, 29. November 2009 4:01

Schon seit einiger Zeit frage ich mich, wie und wann wir denn mit den Themen E-Government und Government 2.0 eigentlich unsere wirklichen Zielgruppen – Bürger und Unternehmen – erreichen wollen? Die „Digitale Spaltung“ hat inzwischen mehr Dimensionen als „Online/Offline“, „Bildungselite/Bildungsferne“, „Wohlhabend/Prekariat“, „Ureinwohner/Migranten“,  … eine andere Spaltung macht mir zunehmend Sorge, nämlich die zwischen den „Internet-Bruderschaften*)“ und der „Internet-Bürgerschaft“.  Gleich vorweg: Ich will hier nicht „besser wissen“, mir ist bewusst, dass ich Teil des Problems bin…

Was meine ich damit? Schon seit Jahren reden immer dieselben Leute in Bezug auf den Wandel zur Informationsgesellschaft über immer dieselben Themen mit immer den gleichen Gesprächspartnern – ob BITKOM, D21, ISPRAT, IT-Gipfel, E-Government-Staatssekretärsrunden, Verwaltungs- oder Informationswissenschaft :  Die Liste derer, die sich miteinander über die Entwicklung der Informationsgesellschaft, über E-Government oder Government 2.0 unterhalten, ist endlich. Messe Moderner Staat oder Effizienter Staat, CeBit Pubic Sector Park, … alles irgendwo schon mal besprochen, jeder kennt jeden und die Ideen und Positionen des Anderen. Und wenn junger Nachwuchs zu diesen Bruderschaften stößt, wird er fluchs assimiliert – wie bei den Borg aus StarTrek:  „Widerstand ist zwecklos“ – „wir denken hier wie folgt…“

Wo bleibt die Wirkung all dieses fast schon inzestuösen Treibens? Wenn man „Otto-Normalverbraucher“ nach E-Government fragt, erntet man eher Ratlosigkeit. Ganz zu schweigen von Feinheiten wie BundOnline, ePA, Digitaler Signatur, E-Partizipation usw. Selbst, wenn man „Otto-Normalvolksvertreter“ fragt, muss man schon ziemliches Glück haben, um in eine aus Erkenntnis flackernde Pupille zu blicken. Aber zumindest in unseren Bruderschaften sind wir uns vortrefflich einig und verstehen uns blind. 

Schaut man sich aber die Nutzungszahlen der E-Government-Dienstleistungen, der öffentlichen Portale oder der spärlichen Government 2.0 Angebote an, wird man schnell depressiv. Entweder, keiner kennt sie oder keiner will sie… am Bedarf vorbei oder Blühen im Verborgenen – dazwischen scheint es wenig zu geben. Mit unseren Bruderschaften – insbesondere der IT-Dienstleister, der Hersteller von Hard- und Software und der „Informationswissenschaft“ gehen wir in der Zwischenzeit stürmisch auf Kreuzzüge: Die Verwaltung macht zu wenig, sie ist zu langsam etc, etc – alles Quatsch, wenn Sie mich fragen. Die Verwaltung macht schon eine ganze Menge im Rahmen der Möglichkeiten, die ihr die Politik einräumt.

Wo liegen die wirklichen Probleme?

a) Wir ALLE in den Bruderschaften verstehen es viel zu wenig, den wirklichen, spürbaren Nutzen unserer beabsichtigten IKT (Bruderschaft-Geheim-Sprech für „Informations- und Kommunikationstechnik“)-Wohltaten zu qualifizieren und zu quantifizieren. Was bringt etwas, was kostet es, was spart es? – kurz: warum sollten wir es machen? 

b) wir ALLE in den Bruderschaften verstehen es nicht, die Komplexität unserer beabsichtigten IKT-Wohltaten in der Darstellung für die Zielgruppen (Otto-Normalverbraucher, – Normalvolksvertreter, -Normalunternehmer) zu vereinfachen und zu erklären. Statt dessen gefallen wir uns darin, immer neue Worthülsen, Akronyme und Fachausdrücke zu erfinden und nur noch in diesen zu reden: DMS, SOA, Zertifikate, Time Stamps, IAM, API, ePA, ELENA, VBS, Gov20, Clouds, EU-DLR und EAP… das könnte man hier noch seitenweise fortsetzen, ohne dass meine Mutter oder mein Bruder (ein echt intelligenter und erfolgreicher Kerl!) auch nur den Schimmer einer Ahnung hätten, was das soll.

c) in der Konsequenz fragen wir gar nicht erst die „Nicht-Eingeweihten“ außerhalb unserer Bruderschaften – wir vermuten mal einen Bedarf, entwickeln mal eine Lösung oder ein Online-Angebot und sind dann regelmäßig enttäuscht, ratlos oder gar beleidigt, wenn unsere doch so gut gemeinte Wohltat auf Desinteresse stößt.  

d) und schließlich glauben wir auch noch, dass sich unsere gut gemeinten Innovationen quasi von selbst bekannt machen. Öffentlichkeitsarbeit, Werbung, Marketing, Anreizsysteme, um für neue Online-Angebote auch Anwender zu gewinnen? In aller Regel Fehlanzeige. Die beschränkten Projektmittel reichen- wenn’s gut geht – für die Entwicklung, mit etwas Glück für Schulungen der Verwaltungsmitarbeiter und ein bisschen Infrastruktur und Betrieb und nicht für eine Einführungskampagne in Richtung der Zielgruppe.

Wir sollten schleunigst aufhören, am Bedarf vorbei irgendwelche Strategien oder Angebote zu entwickeln. Wir sollten mehr zuhören und weniger missionieren. Wir brauchen „O-Ton“ in unseren Bruderschaften. Wir müssen weg von der Bedarfsvermutung und hin zur Bedarfsanalyse. Wir müssen erklären und begeistern, wir müssen in die Schulen, in die Universitäten, in die Altenheime, in die IHKs und die Betriebe, die Parteien und Fraktionen. Die Bürger und die Unternehmer müssen die Informationsgesellschaft haben wollen, die Volksvertreter müssen – nicht von den Bruderschaften, sondern von ihren Wählern! – hören, dass es sich in Wählerstimmen auszahlt, wenn sie sich für die Informationsgesellschaft engagieren.

Die wirkliche Herausforderung besteht darin, die Menschen mitzunehmen in die Informationsgesellschaft. Wir müssen unsere Insider-Kommunikations-Blasen verlassen und wir müssen es schaffen, wieder  in Kontakt mit der tagtäglichen Wirklichkeit und den konkreten Anforderungen der Bürger und der Unternehmen zu treten. Nicht gleich die nächste „IKT-Sau“ durchs Dorf treiben, erstmal nachsehen, oder im Dorf jemand wohnt – und ob das nicht vielleicht alles Vegetarierer sind. 

Es ist nicht so, dass wir es nicht gelegentlich versuchen. So haben wir in der Initiative D21 in den letzten Jahren mehrfach vergeblich versucht, unmittelbar mit Unternehmern des Mittelstands ihren wirklichen Bedarf nach passgenauen E-Government-Dienstleistungen zu diskutierten. Wir konnten sie mit unseren Ansätzen nicht erreichen und nicht für Gespräche gewinnen. Warum? Wohl weil wir zu wissenschaftlich-analytisch, zu kompliziert, zu aufwendig an die Sache heran gegangen sind, wir haben vorher keinen Gesprächsbedarf und kein Interesse geweckt.

Der aktuelle Trend – und das gegenwärtige Lieblingsthema in allen Bruderschaften – ist „Government 2.0“ – also die Frage, wie Politik, Verwaltung, Bürger und Unternehmen mit mehr „Transparenz“, mehr „Online-Zusammenarbeit“ und mehr „Partizipation“ besser und wirkungsvoller miteinander umgehen können. Macht mir auch Spaß, das Thema, wirklich… schön „obamaesk“… aber wir sollten aufhören, immer nur die Verwaltung zu neuen Angeboten zu treiben. Vielmehr sollten wir uns erstmal klar machen, dass „Transparenz“ ohne jemanden, der Informationen nachfragt und aufgreift nutzlos ist; dass „Zusammenarbeit“ einseitig nicht funktioniert und dass „Partizipation“ ohne Interesse auf BEIDEN Seiten nicht zum Leben erwacht. Wer sich das Feedback und die Zugriffszahlen auf die wirklich gut gemeinten Online-Diskussionsforen des Bundesministeriums der Innern ansieht, weiß, was gemeint ist.

Was können wir also tun, um unsere Kommunikations- und Denk-Blasen zu verlassen? Wie öffnen wir unsere Bruderschaften für die Bedarfe der wirklichen, trivialen und alltäglichen Welt? 

Dies scheinen mir drängende Fragen des nächsten Jahres zu sei – zumindest in Hinblick auf den Wandel zur Informationsgesellschaft. Sonst wird dieser „Digitale Graben“ schnell immer breiter.

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*) Gender-gerecht müsste ich eigentlich „Bruder- und Schwesterschaften“ schreiben, ich weiß… zumal es tatsächlich eine Menge kompetenter und engagierter Frauen in unseren Zirkeln gibt.

Thema: Allgemein, Government 2.0 | Kommentare (1) | Autor:

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