Zero von Marc Elsberg – ein Kommentar

Letzte Woche erschien ZERO, der neue Roman von Marc Elsberg. Wie schon im Vorgänger BLACKOUT widmet sich Elsberg der Frage, welchen Einfluss Technik und Vernetzung auf unser Leben gewinnt – mehr noch, er stellt die Frage, wie sich unsere Gesellschaft dadurch verändert.

Während es in BLACKOUT um die zunehmende Bedeutung und Gefährdung unserer kritischen Infrastrukturen geht, also Energie- und Wasserversorgung, Lebensmittellogistik, Regierung/Verwaltung oder den Finanzmarkt, widmet Elsberg sich in ZERO den Themen der omnipräsenten Überwachung, Self-Tracking, Gesichtserkennung, Soziale Medien, Big Data, Data Scoring, Internet der Dinge, Datenbrillen, selbstfahrende Autos, Anonymisierung und vieles mehr.

In beiden Fällen ist das jeweilige Thema eingepackt in eine Rahmenhandlung, in der es um kleinere oder größere Verschwörungen durch ein paar Schurken geht, ein paar Helden wider Willen, die die Verschwörungen aufdecken und um die ein oder andere Liebesbeziehung. Das ist aber alles nur schmückendes Beiwerk, welches es Elsberg erlaubt, seine eigentlichen Themen in einen Kontext zu setzen, Zusammenhänge alltagsrelevant zu verdeutlichen und aus einem Sachbuch einen gut und überwiegend spannend lesbaren Roman zu machen. Das ist sicher die richtige Strategie, um die sonst zu komplexen und damit anstrengenden Themen in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit zu tragen. Etwas, dass mir dringend erforderlich erscheint.

Elsberg’s großer Verdienst aus beiden Büchern besteht darin, auf der Basis exzellenter Recherchen keine abstrusen Utopien zu entwickeln, sondern mehr oder weniger die bereits bestehende Realität aufzuzeigen und durch einige kleinere Extrapolationen sehr gut zu verdeutlichen, wo die aktuellen Trends fast schon zwangsläufig hinführen werden. Das ist zum Teil erschreckend genug und bedarf eben keiner sonderlichen Übertreibung. Sein Verdienst besteht auch darin, dies aber nicht mit erhobenem Zeigefinger und als Maschinenstürmer zu tun, sondern immer wieder auch die Vorteile und Verlockungen neuer Technologietrends aufzuzeigen und dem Leser vor Augen zu führen, dass nicht irgendeine finstere Macht uns das alles unterschiebt, sondern wir alle selber an den Entwicklungen mitwirken – sei es durch unser Verhalten in sozialen Netzwerken oder durch unser alltägliches digitales Konsumverhalten. Vor allem aber dadurch, dass wir uns mit entstehenden Abhängigkeiten und Konsequenzen nicht genug auseinandersetzen.

Die Bücher von Marc Elsberg sind keine leichte Kost, wenn man sich auf die zugrundeliegenden Fragestellungen einlässt. Grade in ZERO sind vielleicht etwas zu viele aktuellen Trends verdichtet und es entsteht manchmal der Eindruck, dass auch noch das letzte Buzzword irgendwie untergebracht werden musste. Aber so entsteht auch wiederum ein sehr umfassendes Bild der Situation. Wer zu einzelnen Aspekten mehr wissen will, kann ja im Netz die Antworten dazu finden…

ZERO sollte, wie meines Erachtens auch BLACKOUT, zur Pflichtlektüre für alle Politiker und Journalisten werden, die sich gegenwärtig mit der „Digitalen Agenda“ auseinander setzen. Ich hoffe, dass ZERO zu einer breiteren, sachlichen und nachhaltigen Diskussion führt, wie wir unsere Gesellschaft im digitalen Zeitalter gestalten wollen und welche Regeln wir uns dazu geben sollten.

 

 

 

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Datum: Donnerstag, 29. Mai 2014 9:49
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