Die Kunst gesellschaftlichen Wandels – warum ich am Sonntag die SPD wählen werde

Seit vielen Jahren arbeite ich in großen IT-Beratungen und IT-Konzernen an vorderster Front der Digitalisierung. Ich beschäftige mich täglich mit Themen wie der Cloud, dem Internet der Dinge, Blockchain, künstlicher Intelligenz, Mixed Reality oder der Modernisierung klassischer Arbeitswelten. Ich weiß, wo diese Technologien stehen, ich ahne die Potentiale, die sie entfalten werden. Mir ist bewusst, welche Herausforderungen bei Sicherheit und Datenschutz bestehen und mit welcher Geschwindigkeit sie sich entwickeln. Ich weiß, dass uns weitere fundamentale technologische Umbrüche wie das Internet in absehbarer Zukunft ganz sicher in vielen Bereichen wieder begegnen werden.

Für mich ist klar, dass wir uns durch die schnell fortschreitenden technologischen Entwicklungen auf große, gesellschaftliche Herausforderungen zu bewegen. Und ich stelle tagtäglich fest, dass wir große Schwierigkeiten haben, uns als Gesellschaft darauf einzustellen.

Flucht oder Verstecken sind natürliche, archaische Reflexe, mit denen Menschen auf Unbekanntes oder Bedrohliches reagieren. Heute sind dies nicht mehr Gewitter, Buschbrände oder Säbelzahntiger, sondern Themen wie Migration, Globalisierung oder eben die Digitalisierung.

Wir erleben auch im aktuellen Wahlkampf das Wirken dieser Reflexe: Abschottung, Rückzug, Ausgrenzung und der Wunsch, mit aller Macht den Status Quo zu verteidigen scheinen viele Debatten zu beherrschen. Die CDU plakatiert „Für ein Land in dem wir gut und gerne leben“ – für mich klingt das wie die Sehnsucht nach dem Auenland, in dem möglichst alles bleibt wie es ist und sich niemand Sorgen um Veränderungen und Umbrüche machen muss – „wählen Sie die merkelsche Kontinuität und alles bleibt gut“.

Aber das von Vielen gefühlte Gewitter der Digitalisierung vor unserer behaglichen Höhle wird nie mehr enden. Wenn wir uns nicht herauswagen, werden wir in der Höhle verhungern.

Die SPD ist Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, um Antworten auf den gesellschaftlichen Wandel zu geben, der sich durch die industrielle Revolution entwickelt hat. Neue Technologien und Verfahren haben plötzlich etablierte Arbeitswelten in Frage gestellt und Berufsbilder verändert. Es ging um die Frage, wohin sich die Gesellschaft entwickeln soll, wie Ungerechtigkeiten verhindert oder zumindest gelindert werden können und wie die Menschen im Wandel nicht untergehen.

Die gleichen Fragen stellen sich heute und in naher Zukunft, nur in noch dramatischerem Ausmaß: Durch Automation, Robotik und künstliche Intelligenz werden wir erleben, dass sich Produktivität zunehmend vom Menschen auf Maschinen verlagert. Wir werden erleben, dass viele Berufsbilder verschwinden oder sich grundlegend verändern – und dies wird nicht nur Berufe mit niedrigerem Qualifikationsniveau treffen, sondern auch Controller, Analysten, Piloten, Radiologen oder Journalisten.

Sollten wir das verhindern? Können wir das verhindern? Die Antwort ist ein klares ‚Nein‘. Ich freue mich auf die großartigen Möglichkeiten, die uns der technologische Fortschritt bringen wird. Über längeres und gesünderes Leben in einer saubereren Umwelt, lebenswerte Städten ohne Verkehrschaos, mehr Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung, bessere Pflege und Vereinbarkeit von Beruf- und Privatleben und weniger gefährliche oder unwürdige Arbeitsplätze.

Deutschland ist ein reiches Land mit der Fähigkeit, dringende Probleme anpacken und lösen zu können – meistens etwas zu spät und häufig nach zu langem Zaudern, aber immer erfolgreich – vom RAF Terrorismus über die Wiedervereinigung und die Bankenrettung bis zur Energiewende und Flüchtlingssituation.

Aber neben dem Schaffen der infrastrukturellen Voraussetzungen und dringenden Anstrengungen in der Modernisierung der Bildung, auf die sich die aktuellen Digitalisierungsdiskussionen verkürzen, brauchen wir Diskurse und Konzepte, wie wir die anstehenden Umbrüche sozialverträglich und gerecht gestalten anstatt sie verhindern zu wollen. Dieser Anspruch hätte auch für mich im Wahlprogramm der SPD deutlicher werden müssen. Aber genau solche Politik ist für mich in der DNA der SPD lesbar und so steht sie auch in ihrem Hamburger Grundsatzprogramm.

Durch die kommende gesellschaftliche Transformation tragen uns weder ein verzagtes Konservieren des Status Quo und ‘Weiter so’ wie es die CDU anbietet noch der zwanghaft-optimistische Glaube an die hemmungs- und zügellosen Kräfte des Marktes der FDP.

Darum wähle ich am Sonntag mit Erst- und Zweitstimme die SPD –

Für ein Land, in dem wir Fortschritt verantwortungsvoll und gerecht gestalten werden.

Digitalisierung first – Gerechtigkeit too.

2 Antworten auf „Die Kunst gesellschaftlichen Wandels – warum ich am Sonntag die SPD wählen werde“

  1. Viele gute Gedanken, Thomas. Ein gutes Plädoyer für die Digitalisierung – die es zu gestalten und auf den Menschen ausgerichtet gilt. Doch der parteipolitisch Link erschließt sich mir nicht. Schade!

  2. Gute Gründe. Ich wünschte mehr Menschen würden sich mit ihrer Wahlentscheidung so intensiv auseinandersetzen. Vielleicht solltest Du dort Mitgestalten, damit diese Werte auch deutlicher werden.Respekt.

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