Denken in der Blase

Schon seit einiger Zeit frage ich mich, wie und wann wir denn mit den Themen E-Government und Government 2.0 eigentlich unsere wirklichen Zielgruppen – Bürger und Unternehmen – erreichen wollen? Die „Digitale Spaltung“ hat inzwischen mehr Dimensionen als „Online/Offline“, „Bildungselite/Bildungsferne“, „Wohlhabend/Prekariat“, „Ureinwohner/Migranten“,  … eine andere Spaltung macht mir zunehmend Sorge, nämlich die zwischen den „Internet-Bruderschaften*)“ und der „Internet-Bürgerschaft“.  Gleich vorweg: Ich will hier nicht „besser wissen“, mir ist bewusst, dass ich Teil des Problems bin…

Was meine ich damit? Schon seit Jahren reden immer dieselben Leute in Bezug auf den Wandel zur Informationsgesellschaft über immer dieselben Themen mit immer den gleichen Gesprächspartnern – ob BITKOM, D21, ISPRAT, IT-Gipfel, E-Government-Staatssekretärsrunden, Verwaltungs- oder Informationswissenschaft :  Die Liste derer, die sich miteinander über die Entwicklung der Informationsgesellschaft, über E-Government oder Government 2.0 unterhalten, ist endlich. Messe Moderner Staat oder Effizienter Staat, CeBit Pubic Sector Park, … alles irgendwo schon mal besprochen, jeder kennt jeden und die Ideen und Positionen des Anderen. Und wenn junger Nachwuchs zu diesen Bruderschaften stößt, wird er fluchs assimiliert – wie bei den Borg aus StarTrek:  „Widerstand ist zwecklos“ – „wir denken hier wie folgt…“

Wo bleibt die Wirkung all dieses fast schon inzestuösen Treibens? Wenn man „Otto-Normalverbraucher“ nach E-Government fragt, erntet man eher Ratlosigkeit. Ganz zu schweigen von Feinheiten wie BundOnline, ePA, Digitaler Signatur, E-Partizipation usw. Selbst, wenn man „Otto-Normalvolksvertreter“ fragt, muss man schon ziemliches Glück haben, um in eine aus Erkenntnis flackernde Pupille zu blicken. Aber zumindest in unseren Bruderschaften sind wir uns vortrefflich einig und verstehen uns blind. 

Schaut man sich aber die Nutzungszahlen der E-Government-Dienstleistungen, der öffentlichen Portale oder der spärlichen Government 2.0 Angebote an, wird man schnell depressiv. Entweder, keiner kennt sie oder keiner will sie… am Bedarf vorbei oder Blühen im Verborgenen – dazwischen scheint es wenig zu geben. Mit unseren Bruderschaften – insbesondere der IT-Dienstleister, der Hersteller von Hard- und Software und der „Informationswissenschaft“ gehen wir in der Zwischenzeit stürmisch auf Kreuzzüge: Die Verwaltung macht zu wenig, sie ist zu langsam etc, etc – alles Quatsch, wenn Sie mich fragen. Die Verwaltung macht schon eine ganze Menge im Rahmen der Möglichkeiten, die ihr die Politik einräumt.

Wo liegen die wirklichen Probleme?

a) Wir ALLE in den Bruderschaften verstehen es viel zu wenig, den wirklichen, spürbaren Nutzen unserer beabsichtigten IKT (Bruderschaft-Geheim-Sprech für „Informations- und Kommunikationstechnik“)-Wohltaten zu qualifizieren und zu quantifizieren. Was bringt etwas, was kostet es, was spart es? – kurz: warum sollten wir es machen? 

b) wir ALLE in den Bruderschaften verstehen es nicht, die Komplexität unserer beabsichtigten IKT-Wohltaten in der Darstellung für die Zielgruppen (Otto-Normalverbraucher, – Normalvolksvertreter, -Normalunternehmer) zu vereinfachen und zu erklären. Statt dessen gefallen wir uns darin, immer neue Worthülsen, Akronyme und Fachausdrücke zu erfinden und nur noch in diesen zu reden: DMS, SOA, Zertifikate, Time Stamps, IAM, API, ePA, ELENA, VBS, Gov20, Clouds, EU-DLR und EAP… das könnte man hier noch seitenweise fortsetzen, ohne dass meine Mutter oder mein Bruder (ein echt intelligenter und erfolgreicher Kerl!) auch nur den Schimmer einer Ahnung hätten, was das soll.

c) in der Konsequenz fragen wir gar nicht erst die „Nicht-Eingeweihten“ außerhalb unserer Bruderschaften – wir vermuten mal einen Bedarf, entwickeln mal eine Lösung oder ein Online-Angebot und sind dann regelmäßig enttäuscht, ratlos oder gar beleidigt, wenn unsere doch so gut gemeinte Wohltat auf Desinteresse stößt.  

d) und schließlich glauben wir auch noch, dass sich unsere gut gemeinten Innovationen quasi von selbst bekannt machen. Öffentlichkeitsarbeit, Werbung, Marketing, Anreizsysteme, um für neue Online-Angebote auch Anwender zu gewinnen? In aller Regel Fehlanzeige. Die beschränkten Projektmittel reichen- wenn’s gut geht – für die Entwicklung, mit etwas Glück für Schulungen der Verwaltungsmitarbeiter und ein bisschen Infrastruktur und Betrieb und nicht für eine Einführungskampagne in Richtung der Zielgruppe.

Wir sollten schleunigst aufhören, am Bedarf vorbei irgendwelche Strategien oder Angebote zu entwickeln. Wir sollten mehr zuhören und weniger missionieren. Wir brauchen „O-Ton“ in unseren Bruderschaften. Wir müssen weg von der Bedarfsvermutung und hin zur Bedarfsanalyse. Wir müssen erklären und begeistern, wir müssen in die Schulen, in die Universitäten, in die Altenheime, in die IHKs und die Betriebe, die Parteien und Fraktionen. Die Bürger und die Unternehmer müssen die Informationsgesellschaft haben wollen, die Volksvertreter müssen – nicht von den Bruderschaften, sondern von ihren Wählern! – hören, dass es sich in Wählerstimmen auszahlt, wenn sie sich für die Informationsgesellschaft engagieren.

Die wirkliche Herausforderung besteht darin, die Menschen mitzunehmen in die Informationsgesellschaft. Wir müssen unsere Insider-Kommunikations-Blasen verlassen und wir müssen es schaffen, wieder  in Kontakt mit der tagtäglichen Wirklichkeit und den konkreten Anforderungen der Bürger und der Unternehmen zu treten. Nicht gleich die nächste „IKT-Sau“ durchs Dorf treiben, erstmal nachsehen, oder im Dorf jemand wohnt – und ob das nicht vielleicht alles Vegetarierer sind. 

Es ist nicht so, dass wir es nicht gelegentlich versuchen. So haben wir in der Initiative D21 in den letzten Jahren mehrfach vergeblich versucht, unmittelbar mit Unternehmern des Mittelstands ihren wirklichen Bedarf nach passgenauen E-Government-Dienstleistungen zu diskutierten. Wir konnten sie mit unseren Ansätzen nicht erreichen und nicht für Gespräche gewinnen. Warum? Wohl weil wir zu wissenschaftlich-analytisch, zu kompliziert, zu aufwendig an die Sache heran gegangen sind, wir haben vorher keinen Gesprächsbedarf und kein Interesse geweckt.

Der aktuelle Trend – und das gegenwärtige Lieblingsthema in allen Bruderschaften – ist „Government 2.0“ – also die Frage, wie Politik, Verwaltung, Bürger und Unternehmen mit mehr „Transparenz“, mehr „Online-Zusammenarbeit“ und mehr „Partizipation“ besser und wirkungsvoller miteinander umgehen können. Macht mir auch Spaß, das Thema, wirklich… schön „obamaesk“… aber wir sollten aufhören, immer nur die Verwaltung zu neuen Angeboten zu treiben. Vielmehr sollten wir uns erstmal klar machen, dass „Transparenz“ ohne jemanden, der Informationen nachfragt und aufgreift nutzlos ist; dass „Zusammenarbeit“ einseitig nicht funktioniert und dass „Partizipation“ ohne Interesse auf BEIDEN Seiten nicht zum Leben erwacht. Wer sich das Feedback und die Zugriffszahlen auf die wirklich gut gemeinten Online-Diskussionsforen des Bundesministeriums der Innern ansieht, weiß, was gemeint ist.

Was können wir also tun, um unsere Kommunikations- und Denk-Blasen zu verlassen? Wie öffnen wir unsere Bruderschaften für die Bedarfe der wirklichen, trivialen und alltäglichen Welt? 

Dies scheinen mir drängende Fragen des nächsten Jahres zu sei – zumindest in Hinblick auf den Wandel zur Informationsgesellschaft. Sonst wird dieser „Digitale Graben“ schnell immer breiter.

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*) Gender-gerecht müsste ich eigentlich „Bruder- und Schwesterschaften“ schreiben, ich weiß… zumal es tatsächlich eine Menge kompetenter und engagierter Frauen in unseren Zirkeln gibt.