Die blinden Stellen bei der Suche nach der Digitalen Verwaltung – Teil 3

Dies ist der dritte Teil meiner Gedanken zu blinden Stellen bei der Suche nach der Digitalen Verwaltung. Der erste Teil hat sich bisher mit der Verwaltungsausbildung beschäftigt, der zweite Teil mit der Frage der Innovationsfähigkeit der Verwaltung.

Hier geht es nun vorläufig abschließend um die Markt- und Kundenorientierung der digitalen Verwaltungsangebote.

Der 01.01.2023 – ein Sonntag – wird ein großer Tag. Millionen Menschen in Deutschland werden – trotz leichtem Kater vom Vorabend – gebannt einen 4K-Live-Stream des IT Planungsrates verfolgen, der aus dem neuen, extra in Rekordzeit auf dem Gelände eines ehemaligen Großflughafenprojektes errichteten, imposanten Gebäude der German Integrated Government Agency (GIGA) gestreamt wird. Die Menschen werden auf ihrem Second Screen ständig nervös den Refresh-Button ihres Browsers betätigen, denn jeder möchte bei diesem großen Moment dabei sein und einen ersten Blick wagen – viele Jahre der Analyse der Bürgererwartungen, akribische Standardisierungsanstrengungen, nächtelange, emotional geführte Diskussionen im IT-Planungsrat, zehntausende der besten Software-Entwickler und Interface Designer tausender Fachverfahrenshersteller, über 10.000 Stunden Usability Testing, aufwändige Werbekampagnen, die seit Monaten jeden Winkel der Republik erreicht haben… als das strebt nun dem Höhepunkt entgegen – der Portalverbund geht online. Als erste Nutzerin beantragt die Bundeskanzlerin über das Online-Portal von Füssen im Allgäu einen Anwohnerparkausweis in Templin in der Uckermark… warum auch immer…  

… und wie immer, wenn der Traum am schönsten ist, klingelt der Wecker.

So wird es nicht kommen. Denn es widerspricht allen Erfahrungen und es gibt keine Indizien, dass es diesmal mit dem Abschluss eines eGovernment-Projekts anders laufen wird als in der Vergangenheit.

Wenn Unternehmen neue Produkte und Dienstleistungen verkaufen wollen, dann nutzen sie dabei ein ganzes Arsenal von Instrumenten und Methoden, angefangen von strategischen Markt- und Zielgruppenanalysen über Nutzerpanels zu gezielten Kampagnen mit massiven Werbebudgets und Community Management.

Der klassische Marketing-Mix wurde schon in den 60er Jahren definiert und setzt sich aus Produktpolitik, Preispolitik, Distributionspolitik und Kommunikationspolitik zusammen. Neuere Varianten, mehr auf den Dienstleistungsmarkt orientiert, richten sich eher auf die Aspekte Verbraucher, Kosten, Kommunikation und Annehmlichkeit.

Die Verwaltung – insbesondere die Bundesverwaltung – scheint so viel Markt-Esoterik nicht nötig zu haben. In schöner Regelmäßigkeit, ohne lästige Lernkurveneffekte, hat jemand eine Idee, er vermutet einen Bedarf und irgendeine Marktrelevanz und es wird ein neues, großartiges eGovernment Projekt gestartet.

1997 wurde die „Qualifizierte elektronische Signatur mit Anbieterakkreditierung (QeSmA)“ einschließlich „Signaturgesetz (SigG)“ kopfgeboren. Mitgeboren wurde ein Schema, das bis heute Verwendung findet:
Jemand hat eine Idee, lässt ein Konzept schreiben, schafft die regulatorischen Rahmenbedingungen… und dann wird es „der Markt“ hoffentlich schon richten: Anbieter, Bürger und Unternehmen werden irgendwie vom neuen Angebot erfahren, sie werden feststellen, dass sie das schon immer vermisst haben und dann begeistert darauf einstiegen. Die erforderlichen Lösungen finanzieren sich durch die Budgets und die kumulierte Begeisterung der Wirtschaft von selber. Gut, mit dem SigG, der QeSmA und den dafür aufgebauten Trust Centern ist es jetzt nicht so richtig rund gelaufen… aber hey, war doch eigentlich eine gut gemeinte Idee, oder? Versagt hat natürlich die Wirtschaft, das Projekt der Verwaltung (natürlich kam die Idee nicht aus der Politik) wurde ja mit dem vorliegenden Konzept und der flankierenden gesetzlichen Grundlage erfolgreich abgeschlossen! Haken dran, Beförderung der Verantwortlichen.

Fast forward: 2008

Die Idee: ein elektronischer Identitätsnachweis. Natürlich nicht irgendwie, sondern „amtlich“, wir sind ja Deutschland. Und weil gerade Google durch Deutschland fährt, die Privatsphäre von öffentlichen Hausfassaden verletzt und die Datenschutz-Volksseele kocht… hey, da legen wir doch noch ein schönes Datenschutz-Paket oben drauf, das wird der Renner. Mit  hochsensiblen persönlichen Daten wie Name, Geburtsort, Geburtsdatum und Anschrift könnte man schließlich sonst was anstellen. Geboren ist der elektronische Personalausweis (nPA). Und das Beste: Im Personalausweisgesetz steht, dass jeder so ein Ding haben muss. Markt per Gesetz. Großartig. Leider versagt die Wirtschaft schon wieder. Sie liefert einfach nicht die erforderlichen „Killer-Apps“ für den nPA, obwohl diese – ein drittel-pampig, drittel-beleidigt, drittel-bittend – doch von den Verantwortlichen in der Verwaltung ständig eingefordert werden. Klar, die Berechtigungszertifikate und -server kosten viel Geld, der nPA kostet den Bürger ordentlich Gebühren, es gibt keine Anwendungen, dafür braucht man aber einen zertifizierten Kartenleser, die Software dafür ist etwas monströs und unhandlich, die Verwaltungsmitarbeiter in den Einwohnermeldeämtern wissen auch nicht so recht, was das soll… egal.  Versagt hat natürlich die Wirtschaft (und der ignorante Bürger), das Projekt der Verwaltung (natürlich kam die Idee nicht aus der Politik) wurde ja mit dem vorliegenden Konzept und der flankierenden gesetzlichen Grundlage erfolgreich abgeschlossen! Haken dran, Beförderung der Verantwortlichen.

Next stop: 2009

Die Idee: Die eMail ist zu unsicher. Wir brauchen was Deutscheres. Also Sichereres. Amtliches. Genau, wir brauchen die De-Mail. Konzept, Regulierung… auf geht’s, Markt! Die Post wird nervös, sieht ihr Kerngeschäft bedroht und blinzelt etwas zu früh: Zack, neben De-Mail gibt’s jetzt auch noch den ePostbrief als Alternative. Endlich kann der deutsche Michel wieder gut schlafen, denn ab jetzt kann er seine Konzerttickets rechtssicher und Spam-frei über ein abgeschottetes, proprietäres Mailsystem bestellen… wir vermuten, das ist genau das, was ihm die ganze Zeit gefehlt hat. Und nun? Keine Nutzer, keine sinnvollen Anwendungsszenarien? Versagt hat natürlich die Wirtschaft (und der ignorante Bürger), das Projekt der Verwaltung (natürlich kam die Idee nicht aus der Politik) wurde ja mit dem vorliegenden Konzept und der flankierenden gesetzlichen Grundlage erfolgreich abgeschlossen! Haken dran, Beförderung der Verantwortlichen.

Nun also der Portalverbund. Der IT Planungsrat formuliert das Ziel so:

Durch diesen Portalverbund sollen Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen die von ihnen gewünschte Dienstleistung und die zu dieser Dienstleistung bereitgestellten Informationen – unabhängig davon, auf welchem Verwaltungsportal sie einsteigen – direkt, schnell, einfach und sicher mit drei Klicks erreichen können.

Nun gut, der Portalverbund ist jetzt also das Leuchtturmprojekt zur Lösung der deutschen eGovernment Malaise. Die Verwirrung und Orientierungslosigkeit im Wald der deutschen Verwaltungsportale wurde als das wohl größte und drängendste Problem für Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen identifiziert. Bestimmt gab es dazu eine umfassende Situations- und Bedarfsanalyse im Vorfeld.

Aber es gibt ja auch den eGovernment Monitor 2016 der Initiative D21 und dort finden sich durchaus relevante Erkenntnisse zur Problematik.

Mit 45% – fallend von 57% gegenüber 2015 – wird die undurchschaubare Struktur der Online-Angebote als Nutzungsbarriere genannt. Unklar bleibt, ob sich die beklagte Undurchschaubarkeit dabei auf die verwirrende Vielzahl von Verwaltungsportalen insgesamt oder die innere Struktur eines konkreten Verwaltungsportals bezieht. Ich vermute eher Letzteres.

Wie nähern sich Bürger und Unternehmen eigentlich den Online-Dienstleistungen der Verwaltung? Auch darauf gibt der eGovernment Monitor 2016 Antwort.

Die Mehrzahl der Nutzer kommt also über Suchmaschinen oder wendet sich unmittelbar an das Internetangebot der jeweiligen Verwaltung. Große Verwirrung über das richtige Portal kann ich auch hier nicht erkennen, die Zahlen variieren nach Altersgruppen:

Die Jüngeren googlen mehr, die älteren steuern eher direkt die Seiten der Verwaltung an

Die Älteren „gehen weiterhin aufs Amt“, wenn auch online. Die Jüngeren haben eine Frage und wollen unmittelbar zur Lösung geführt werden, Portal egal.

Aber die 14% Zugang über Internetseiten der allgemeinen Verwaltung in Österreich lassen vielleicht etwas aufhorchen und die Erläuterungen im Monitor dazu lautet:

Auffällig im Ländervergleich ist, dass in Österreich deutlich mehr Nutzer über die Internetseite von Bund und Bundesländern Verwaltungsangebote suchen. In Deutschland und der Schweiz hingegen spielen die Bundes‑ und Bundesländerportale nur eine geringe Rolle als erstes Einstiegstor. Das seit Langem in
Österreich etablierte und nach Lebenslagen strukturierte Portal help.gv.at wird diesen im Ländervergleich positiv abweichenden Wert begünstigen.

Wenn ein gut strukturiertes, gemeinsames Einstiegsportal zu Verwaltungsleistungen existiert, dann wird es also auch besser genutzt. Aber auch so bleibt es in felix Austria bei 14% Zugangspräferenz über ein allgemeines Portal gegenüber 85% Zugangspräferenz über Suchmaschinen und das konkrete Internetangebot der zuständigen Verwaltung.

Ich kann also noch nicht so richtig erkennen, dass für einen Portalverbund eine riesige Nachfrage und Erwartungshaltung besteht. Aber wahrscheinlich fehlen mir da einfach wesentliche Informationen und grundlegende Einsichten.

In der Zugangstechnologie „Portal“ sehe ich ohnehin nicht die Zukunft. Portale und auch Apps werden zunehmend durch natürlich-sprachliche Bots, Agents und persönliche virtuelle Assistenten verdrängt werden, die dann für Bürger und Unternehmen die Schnittstellen zur Verwaltung bedienen und Zugangs- und Bedienkomplexität reduzieren werden.

Ich sehe trotzdem aber tatsächlich großen Sinn im Portalverbund-Projekt und zwar in den etwas mehr im Hintergrund stehenden, weiteren Maßnahmen, die für den Portalverbund umgesetzt werden sollen. Noch einmal O-Ton des IT-Planungsrates:

Auf allen Verwaltungsebenen sollen Bürger- und Unternehmenskonten als Identifizierungskomponenten für die einfache Abwicklung von Verwaltungsdienstleistungen angeboten werden. Durch Speicherung wichtiger Daten in den Nutzerkonten müssen die Daten nicht stets neu eingegeben werden. Zudem wird die sichere elektronische Kommunikation mit der zuständigen Behörde vereinfacht.

Da kribbelt jetzt was bei mir, es könnte sich um Spuren von Bedarf handeln.

Ich als souveräner Besitzer meiner verwaltungsrelevanten Datensammlung, die immer aktuell und konsistent ist, erteile und entziehe Zugriff auf diese Daten je nach Bedarf. Das spart Platz in meinen Regalen und Aktenordnern und Zeit beim Ablegen, Raussuchen und ständigen Weitergeben von Informationen. Wenn das Bürgerkonto mit der Zeit auch noch einigermaßen intelligent wird und mich proaktiv auf Handlungsbedarfe und Möglichkeiten hinweist, um so besser. Ja, hätte ich gerne. Muss aber verpasst haben, dass mich danach mal jemand gefragt hat. Egal, ich sehe Nutzen für mich.

Und das bringt mich zurück zu einem Gedanken, den ich bereits im ersten Teil dieses Blog-Triptychons angerissen habe. Cui bono? Wer hat was von der digitalen Verwaltung?

Im Falle des Portalverbundes kann ich mir durchaus einen breit verteilten Nutzen vorstellen. Vereinfachungen, grade im Datenmanagement, bei Bürgern und Unternehmen. Auf der Verwaltungsseite besteht großes Potential in den Bereichen Effizienz und Datenqualität durch bessere Standards bei Daten und Semantik, einheitlichen Schnittstellen, besserer Interoperabilität der Fachverfahren und höherer Sicherheit in der elektronischen Kommunikation. All das wird auch dringend gebraucht, selbst wenn der eigentliche „Portal“-Gedanke zukünftig zugunsten von Bots und persönlichen Assistenten in den Hintergrund tritt.

Der Nutzen für alle Beteiligten wird sich aber nur erschließen, wenn die Bürger- und Unternehmenskonten auch tatsächlich genutzt werden.

Und das heißt, dass die Fehler des Personalausweises oder von De-Mail nicht wiederholt werden dürfen.

Der neue Personalausweis mit eID Funktion hätte schnell eine kritische Masse von Nutzern gebraucht, um damit ein Marktpotential für Anwendungen zu schaffen, welche die eID Funktion nutzen. Der normale Bürger will aber eigentlich gar keinen Personalausweis, der Staat möchte, dass wir einen haben. So sehr, dass er uns per Personalausweisgesetz zum Besitz eines  Personalausweises verpflichtet; und dafür muss der Bürger auch noch Gebühren zahlen – wenn er unter 24 Jahren alt ist 22,80 €, wenn er älter ist dann 28,80 €. Es gibt also eigentlich keinen direkten Nutzen, sondern im Gegenteil sogar noch Hürden für die Akzeptanz des Personalausweises. Welchen Anreiz setzt der Staat, damit wir seinen oktroyierten Personalausweis trotzdem wollen? Vereinfachten Zugang zu Online-Verwaltungsleistungen? Reduzierte Verwaltungsgebühren, wenn ich den Ausweis einsetze? Mehr Komfort? Schnelleren Service? Nein.

Welche Anreize wurden für De-Mail gesetzt? Macht De-Mail irgendetwas einfacher? Nein, im Gegenteil. Ich muss ein weiteres Mailkonto über ein Webportal abfragen. Allein die Registrierungsprozedur ist ein administrativer Albtraum. Wurden dadurch Schriftformerfordernisse reduziert? Ist mir nicht aufgefallen. Und wie wird die Bekanntheit von De-Mail aktiv gesteigert? Gar nicht.

Und das obwohl die Verwaltung diejenige ist, die durch Nutzung ihrer Online-Angebote den wirklichen Nutzen einfährt – bei ihr kumuliert sich nämlich der kleinteilige wirtschaftliche Nutzen eines einzelnen automatisierten, elektronischen Bürgerkontakts. Das Online-Ausfüllen eines Antragsformulars durch einen Bürger erfordert von ihm vielleicht 6 Minuten Arbeit. Aber wenn 20.000 Bürger der Verwaltung damit die Arbeit der Datenerfassung abnehmen, spart diese kumuliert 120.000 Minuten = 2.000 Stunden = 250 Arbeitstage = 1 Personenjahr. Sie kann sich damit also eine ganze Stelle sparen.

Die Servicenummer 311 in New York City  wird dauerhaft mit einer Werbekampagne begleitet, um die Menschen zur Nutzung der Plattform zu motivieren – weil die Nutzung von 311 der Stadt Ressourcen spart und erlaubt, in Echtzeit ihre Prioritäten zu managen und besser zu steuern.

Mit Erfolg: Im Jahr 2016 konnten mit der 311 über 3,600 Verwaltungsdienste über das Call Center, Messaging Dienste und mobile Apps erreicht werden. Es wurden 36 Millionen Bürgerkontakte behandelt, mehr als die Hälfte davon über digitale Kanäle.

Nebenbei werden die gewonnenen Zahlen als transparente Leistungskennziffern und Innovationstreiber genutzt, siehe auch Teil 2 dieser Blog-Reihe.

Die New York City 311 war die Vorlage für die deutsche Behördenrufnummer 115. Wo stehen wir da? Wie viele Anfrage laufen heute über die Rufnummer? Wie viele Dienstleistungen können genutzt werden? Was sind die Top Anfragen? Über welche Kanäle kann die 115 genutzt werden? Welche Maßnahmen werden zur Intensivierung der Nutzung getroffen? Wir wissen es nicht.

Seit dem Start 2009 mit zwei kleinen YouTube Videos und einer Grußbotschaft des Bundesinnenministers Friedrich hat es nicht mehr viel wahrnehmbare Kommunikation, Werbung und Erfolgsmeldungen (über den Beitritt von neuen Verwaltungen hinaus) gegeben.

Nach dem bekannten Schema wird die Behördenrufnummer 115 natürlich als Erfolg verbucht. Es gab eine Idee und ein Konzept das umgesetzt und in Betrieb genommen wurde. Es gibt die 115. Irgendwie. Haken dran, Beförderung der Verantwortlichen.

Ob die intendierte Wirkung erzielt wurde, ob die 115 akzeptiert und genutzt wird ist nachrangig, selbstkritische Reflexion nicht erforderlich – ist halt kompliziert im föderalen System und die ignoranten Bürger kapieren es eben nicht.

So kann man keine Produkte oder Dienste im Markt erfolgreich machen.

Es ist sehr sinnvoll, für die breite Nutzung von eGovernment-Diensten aktiv und massiv zu werben und die Nutzung der Online-Angebot zu inzentivieren. Warum nicht reduzierte Gebühren für Online-Verfahren? Warum nicht ein Bonuspunktesystem für genutzte Online-Verfahren, mit dem sich der Bürger Theaterkarten oder ÖPNV Tickets „egoven“ kann? Warum nicht eine BahnCard50 für jeden, der sich ein Bürgerkonto im Portalverbund anlegt? Und das alles verbunden mit einer professionellen, zielgruppenorientierten und dauerhaften Werbekampagne für die Bekanntheit der Bürger- und Unternehmenskonten im Portalverbund?

In Zukunft sollte es kein eGovernment-Projekt mehr geben, für das nicht ein projektspezifischer, individueller Marketing Mix erarbeitet wird und für dessen Umsetzung nicht auch die entsprechenden Budgets zur Verfügung stehen. Wir haben mehr als genug eGovernment-Dienste in Deutschland, die ein Schattendasein ohne Nutzer fristen. Langsam wird es mal Zeit für gezielt erarbeitete Nutzerbegeisterung durch konsequente Marktorientierung. Mit den Bürger- und Unternehmenskonten des Portalverbundes sollten wir es diesmal richtig machen.

Blindspot 3:

Bewertung des Erfolges von eGovernment-Diensten am Markterfolg und den erreichten Nutzerzahlen

Das waren nun aus meiner subjektiven Sicht drei wichtige blinde Stellen, denen wir uns in der Vergangenheit zu wenig gewidmet haben und die strukturelle Blockaden auf dem Weg der digitalen Transformation der Verwaltung darstellen:

  • Modernisierung der Verwaltungsausbildung für die digitale Transformation und modernes Arbeiten
  • Schaffen von Innovationsdruck durch transparente, öffentliche Kennzahlen zu Qualität, Effizienz und Effektivität und ambitionierten Zielvorgaben mit Erfolgsdruck
  • Bewertung des Erfolges von eGovernment-Diensten am Markterfolg und den erreichten Nutzerzahlen

Sicher gibt es noch weitere solcher blinden Stellen und ich wäre froh, wenn wir innerhalb und außerhalb der typischen Gesprächskreise zur digitalen Transformation der Verwaltung anfangen würden, gemeinsam neue, konstruktive Antworten zur Lösung des strukturellen deutschen eGovernment Problems zu erarbeiten.

Die meisten Transformationsblockaden liegen nicht im technischen Bereich, sondern in Köpfen und Mentalitäten. Die digitale Transformation der Verwaltung ist primär ein Thema der grundsätzlichen Verwaltungsmodernisierung. Sie gehört damit nicht (nur) in die digitalen Ausschüsse von Bundestag, Landtagen, Bürgerschaften und Stadträten, sondern muss als Gestaltungsaufgabe von den zuständigen Innenpolitikern und -ausschüssen angenommen werden. Innenpolitik hat nicht nur was mit innerer Sicherheit, sondern auch mit der Zukunftsfähigkeit unserer Verwaltung zu tun.

Die blinden Stellen bei der Suche nach der Digitalen Verwaltung – Teil 1

Wenn die Initiative D21 in wenigen Tagen den eGovernment MONITOR 2017 vorstellt, wird das zentrale Ergebnis wohl niemanden, der sich etwas mit der Materie auskennt, wirklich überraschen: Die digitale Transformation der deutschen Verwaltung kommt nicht voran. Die Stagnation setzt sich fort und bleibt im internationalen Vergleich auf niedrigem Niveau.

Wie werden die Reaktionen aussehen? Auch das ist absehbar.

Bund und IT Planungsrat werden auf den „Portalverbund“ als rettendes Zukunftsprojekt verweisen, ebenso auf die in diesem Zusammenhang stehende erfolgte Grundgesetzänderung (Art. 91c Abs 5 „Der übergreifende informationstechnische Zugang zu den Verwaltungsleistungen von Bund und Ländern wird durch Bundesgesetz mit Zustimmung des Bundesrates geregelt“) und das dafür verkündete Onlinezugangsgesetz (OZG).

Alles gut, vor allem gut gemeint. Und wahrscheinlich auch teilweise hilfreich.

Diese Maßnahmen adressieren die bekannten Hürden aus Ressortprinzip und Föderalismus, die jetzt schon seit 20 Jahren als Erklärung dafür herhalten müssen, dass es mit dem deutschen eGovernment ‚halt irgendwie schwierig‘ ist.

Ich denke aber, es gibt mindestens drei blinde Stellen bei der Ursachenanalyse, die mit den aktuellen Maßnahmen und Gesetzesänderungen nicht einmal gestreift werden und die mindestens genauso konstitutiv für die andauernde Stagnation sind.

Und da meine Gedanken dazu für einen Blog-Post viel zu lang geworden sind, gibt es das in den nächsten Tagen in drei Teilen. Heute also Teil 1:

Ausbildung für die analoge Verwaltung

Wer sich ansieht, wie wir heute unseren Verwaltungsnachwuchs auf allen Ebenen ausbilden, der muss sich nicht wundern, dass es noch große innere Widerstände gegen die digitale Transformation gibt. Etwa 4,7 Millionen Menschen arbeiten im Öffentlichen Dienst im Bund, in den Ländern und Kommunen und im Bereich der Sozialversicherung.

Die Fachhochschulen der öffentlichen Verwaltung bzw. die Verwaltungshochschulen sind die Ausbildungseinrichtungen, die einen Großteil der Grundausbildung des deutschen Verwaltungsnachwuchses und zukünftiger Entscheider im öffentlichen Dienst bewältigen. Hinzu kommen Weiterbildungseinrichtungen wie die Bundesakademie für die öffentliche Verwaltung (BAKöV) oder Verwaltungsakademien der Länder.

Die Arbeitsgruppe Innovativer Staat der Initiative D21 hat sich in den letzten Jahren intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie die Verwaltungsausbildung auf die digitale Transformation vorbereitet. Die ernüchternde Erkenntnis: in der fachlichen Verwaltungsgrundausbildung kommt die Digitalisierung quasi nicht vor.

Wer die Curricula analysiert stellt fest, dass fast ausschließlich verwaltungsjuristische Inhalte dominieren, und dies dann quer über viele Verwaltungsbereiche. Open Government, Partizipation, Open Data, Datenschutz, digital unterstützte Kollaborationsformen, die Nutzung sozialer Medien, elektronische Identitäten, Algorithmen, Wissensmanagement, Grundlagen der IT Sicherheit… alles Fehlanzeige. Bestenfalls finden sich ein paar Retro-Themen wie „Grundlagen der Datenverarbeitung“, die so klingen, als würde noch das EVA-Prinzip erklärt (Eingabe-Verarbeitung-Ausgabe). Oder eher Handwerkliches wie Grundkenntnisse in Office-Produkten.

Ein Dekan einer Fachhochschule für die Öffentliche Verwaltung machte es in einer Sitzung der D21 Arbeitsgruppe deutlich: „Ich verstehe, dass Ihnen digitale Inhalte im Curriculum fehlen. Aber ich muss das liefern, was bestellt wird.“ Heute in der Verantwortung stehende Verwaltungsjuristen bestellen eben auch Verwaltungsjuristen als Nachwuchs.

Neben den technologischen Themen der digitalen Transformation ändern sich auch die Arbeitswelten der öffentlichen Verwaltung. Besser gesagt, sie müssten sich ändern, wenn die Arbeit in der Verwaltung in Zukunft ein attraktives Berufsbild bleiben soll. Fakt ist aber, dass weiterhin klassische Organisations- und Arbeitsformen im Vordergrund stehen und gelehrt werden.

Kommunikation über Dienstwege in Hierarchien. Statische Zuständigkeiten. Knappe Quoten für „Telearbeitsplätze“. Papierformular-gestützte interne Abläufe. Abteilungsleiter, die sich in Besprechungen nur mit Ihresgleichen austauschen wollen. Investition von vielen teuren Arbeitsstunden, um in pingeligen Vergleichsrechnungen herauszufinden, ob während einer Dienstreise die Nutzung des ÖPNV anstelle eines Taxis „wirtschaftlicher“ war und 3,20 € hätten gespart werden können. Anwesenheits- und Kontrollkultur mit Zeiterfassung. Verbot der privaten Handy- und Internetnutzung am Arbeitsplatz. Zuständigkeitsprüfung vor Verantwortungsübernahme. Veraltete IT- und Kommunikationsausstattungen. Akribische, minutengenaue Auflistung von kleinteiligen Tätigkeiten am Arbeitsplatz in starren Tätigkeitsbeschreibungen. All das ist aus der Zeit gefallen.

(c) Anika Klauß @an_kl 2017

Agile Projektorganisationen, moderne Kommunikationsplattformen, Mobilität, Effizienz, Output/Impact Orientierung, Erfolgsmessungen, dynamische Ebenen-übergreifende, teamorientierte Zusammenarbeit, flexible Arbeitszeiten, moderne Arbeitsplatzgestaltung, bessere Vereinbarkeit von Familie/Privatleben und Beruf, regelmäßiges, mutiges Infragestellen von bestehenden Zielen, Abläufen und Werkzeugen zur fortlaufenden Verbesserung, Lust auf Veränderung, Flexibilität im Aufgabenzuschnitt, leistungs-/erfolgsorientierte Bezahlung, Eigenverantwortung und Empowerment… das sind die Elemente, die heute moderne Arbeitswelten definieren. Sie zu kennen, souverän anzuwenden und sich damit wohl zu fühlen – dafür müssten in einer modernen Verwaltungsgrundausbildung die Fundamente gelegt werden. Werden sie aber nicht.

Natürlich gibt es auch Lichtblicke. So bietet die Uni Bremen mittlerweile einen berufsbegleitenden Masterstudiengang ‚Entscheidungsmanagement‘ (Professional Public Decision Making) mit wirklich spannenden Inhalten an. Man kann nur hoffen, dass viele zukünftige Verwaltungsführungskräfte sich solche Zusatzqualifikation aneignen und sie karriereförderlich werden.

Und ja, bei den Fortbildungseinrichtungen wie der Bundesakademie für öffentliche Verwaltung (BAköV) oder der Verwaltungsakademie Berlin (VAk) gibt es auch viele gute und zeitgemäße Angebote, zum Teil sogar auf modernen eLearning Plattformen. Aber wie das eben mit Zusatzqualifikationen und Fortbildungen so ist… es machen die, die Interesse daran haben und auch nur dann, wenn die eigene Behörde dafür Zeit und Budget bereitstellt. Wer die zum Teil mikroskopischen Budgetansätze für Fortbildungen pro Kopf in den Haushalten der Behörden kennt, weiß, dass man damit keinen digitalen Staat machen kann.

Ohne das konsequente Einbringen von Themen der digitalen Transformation in die Curricula der breiten Verwaltungsgrundausbildung perpetuieren wir auf Jahre hinaus weiterhin analoges Denken und klassisches Arbeiten in die Verwaltung von morgen.

Blindspot 1:
Modernisierung der Verwaltungsausbildung für die digitale Transformation und modernes Arbeiten

Hier geht es weiter zum Blindspot 2 – hat was mit Wettbewerb zu tun.

Let’s start…

Nach reiflicher Überlegung starte ich nun doch nochmal einen eigenen Blog. Ich tue das vorwiegend, weil ich ein paar Ansichten zur Öffentlichen Verwaltung und ihrer politischen Steuerung sowie Informations- und Wissensgesellschaft zur Diskussion stellen möchte – und weil ich mit meinem Diskussionsbedarf nicht fremde Blogs okkupieren möchte. Schau’n wir mal, wie’s sich enwickelt… für Selbstgespräche reicht eigentlich auch ein Spiegel. Also: Ich möchte Gegenfeuer und Kritik, vorzugsweise konstruktive…